zur chronologischen Biografie

Carl Josef Meffert wird am 26. März 1903 als ältestes Kind bei Koblenz am Rhein mit dem Makel der Unehelichkeit in ein katholisches, kaisertreues Milieu hinein geboren. Seine Mutter, Gertrude Schmidt, hatte drei Kinder vom wilhelminischen Postbeamten Joseph Meffert. Die beiden haben nie geheiratet. Nach Carl und Lore kommt 1919 ein drittes Kind zur Welt; dabei sterben Mutter und Kind.

Mit 11 Jahren, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, kommt Carl in die Fürsorge. Die Erziehung zu einem kaisertreuen Untertanen übernehmen nun die «Ehrwürdigen Brüder der christlichen Liebe», zuerst in der Anstalt «Warburg» und danach längere Zeit in «Burgsteinfurth» in Westfalen. Die Zöglinge erhalten ein Minimum an Schulbildung. Anfänglich sind es drei Stunden Unterricht täglich, später weniger. Die restliche Zeit wird auf dem Feld gearbeitet oder die Zöglinge werden an umliegende Rüstungsfabriken ausgemietet.

Noch etwas lernt C.M. in der Fürsorge: ausreissen, abhauen, flüchten. Wenn die Situation für ihn ausweglos erscheint, läuft er davon. Nach seinen Angaben nahm er öfters das Risiko auf sich, wieder eingefangen zu werden. Meistens läuft er zur Mutter – die Bestrafungen danach bleiben nicht aus.

Der zwanzigteilige Linolschnittzyklus, den C.M. in Sils Maria beginnt und 1929 in Berlin beendet, zeigt seine Erlebnisse in der Fürsorge. Als Betrachter ist man erschüttert, was Kinder auszuhalten haben.

Nach der Fürsorge beginnt er, während der Revolutionsjahre, als 16-jähriger eine Lehre als Maler und bricht diese nach sechs Monaten ab. Von da an treibt er sich herum, ist nirgends zu Hause. Er findet Anschluss bei den Spartakisten, obwohl er keine Ahnung hat, wer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind.

Über zwei Jahre kann er sich den Ordnungskräften entziehen. Dann erwischt ihn sein Vater und lässt ihn im eigenen Haus verhaften. Der erst 17-jährige wird mit Hilfe des Vaters zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. In einem Alter, in dem ein junger Mensch seiner selbst noch unsicher ist, in dem er beginnt, sich als Persönlichkeit zurechtzufinden, verbringt C.M. 3 Jahre und 4 Monate in Einzelhaft im Zuchthaus Wehrl.

Nach diesen verlorenen Jahren folgt die Zeit der Ausbildung, zuerst in Köln, dann in Berlin. Käthe Kollwitz, Emil Orlik, Heinrich Vogeler, Johny Heartfield und andere sind wesentlich an seiner künstlerischen und weltanschaulichen Formung beteiligt. In Berlin entstehen die grossen autobiografischen Zyklen, die bis heute ihre Gültigkeit bewahrt haben.

In dieser Zeit verliebt er sich in die 21-jährige Auguste Baizel. Die zwei heiraten, die gemeinsame Tochter nennen sie Karen. Im Zyklus «Deine Schwester» sitzen ihm seine Frau und seine Tochter Modell. Die Gustel fühlt sich dem Leben bald einmal nicht mehr gewachsen und nimmt sich 1930 das Leben. Die Tochter wächst fortan in der Familie der Mutter auf. Eine spätere Zusammenführung von Tochter und Vater im argentinischen Exil wird durch den nationalsozialistischen Staat verhindert.

Die Freundschaft mit Heinrich Vogeler führt Carl Meffert ins Tessin zu Fritz Jordi, in die Künstlerkooperative nach Fontana Martina. Ein ernsthaftes Suchen nach neuen Lebensformen steht im Zentrum dieses sozialen und künstlerischen Projektes. Während zweier Jahre trägt C.M. zum Gelingen dieses Experimentes bei. In seinen Grafiken kommentiert er aktuelle politische Ereignisse, die Arbeitslosigkeit in der Schweiz und den sich wild ausbreitenden Nazismus und Faschismus in Europa.

Im März 1933, von Berlin her kommend, entgeht er am Badischen Bahnhof in Basel einer Verhaftung wegen antifaschistischer Tätigkeit durch die Gestapo. Ein grosser Teil seiner Berliner Werke sowie Dokumente von Käthe Kollwitz und Heinrich Zille bleiben verloren.

C.M. ist ohne Ausweispapiere und wird von den Schweizer Behörden gesucht. Als illegaler politischer Emigrant lässt er es sich jedoch nicht verbieten, sich weiterhin als Gebrauchsgrafiker für die Anliegen der Arbeiterschaft in der Schweiz einzusetzen, und mit seinen Linolschnitten nimmt er Stellung gegen den Faschismus. Das macht seine Situation nicht einfacher.

Im «Zett-Haus» am Stauffacher in Zürich erhält er Unterschlupf; hier lernt er seine zweite Frau, die Antifaschistin Nelly Guggenbühl, kennen. Er sucht nach einem neuen Namen und nennt sich von nun an Clément Moreau; manchmal verwendet er seinen richtigen Namen und behält die Initialen «c.m.» als Signatur auf seinen Linolschnitten und Zeichnungen.

Eine enge Zusammenarbeit und Freundschaft verbindet ihn mit dem italienischen Emigranten und Dichter Ignazio Silone. Mit ihm teilt er die Einstellung zum Sozialismus. Clément Moreau war nie in einer Partei, er hat immer versucht, in jeder Situation eine freiheitliche, lebensbejahende und unbürokratische Lösung zu suchen. Aber für solche Ideen hatte die Schweiz kein Verständnis.

1935 – an seinem 32. Geburtstag – reist Carl Meffert mit einem Nansenpass, einem Ausweis für Staatenlose, in das argentinischen Exil. Kurze Zeit später folgt ihm seine Frau. 1936 kommt die Tochter Argentina zur Welt, sechs Jahre später Claudio. Nelly arbeitet als Kinderpsychologin; sie ist es, die die Familie über Wasser hält.

Mit seiner Flucht aus Europa rettet C.M. sich zwar das Leben, aber die weltpolitische Entwicklung begleitet ihn weiterhin, und mit allen Mitteln, die ihm zu Verfügung stehen, kämpft er dagegen an. 1937 demaskieren seine Zeichnungen das damals meistgelesene Buch «Mein Kampf», und im gleichen Jahr beginnt er seine Linolschnittfolge «Nacht über Deutschland». In den Jahren des Krieges erscheinen seine beissenden Zeichnungen zu den jeweiligen Tages- oder Wochenereignissen in den Zeitungen Lateinamerikas.

Da er sich weiterhin offen für mehr Menschlichkeit einsetzt, blieb es nicht aus, dass die Machthaber in Argentinien ihre Schwierigkeiten mit ihm haben. Man zensuriert und schikaniert ihn und seine Familie. Man zwingt ihn in die Verwahrung nach Jujuy und Patagonien. Eine Zeit lang werden die Repressionen für Clément Moreau so unerträglich, dass er für ein Jahr nach Uruguay exiliert.

1961 besuchen die Moreaus – nach 26 Exiljahren – für ein paar Monate die Schweiz. Am 28. März 1962, zwei Tage nach seinem 59. Geburtstag, übernimmt in Argentinien erneut das Militär die Macht. Eine Rückreise nach Argentinien wäre für Clément  Moreau lebensgefährlich. Die Moreaus entschliessen sich, ein weiteres Mal ins Exil zu gehen und lassen sich in der Schweiz nieder. Nelly Meffert-Guggenbühl arbeitet bis ins hohe Alter weiterhin als Kinderpsychologin. Cément Moreau ist als Zeichenlehrer und Theaterzeichner tätig.

Jahre später äussert er sich in einem Gespräch über seinen Status als Emigrant folgendermassen:

«man könnte von meinem leben eigentlich sagen: von beruf bin ich ein emigrant. wo ich auch hin kam, nach kurzer zeit musste ich als emigrant wieder weg. einfach, man wird als emigrant durch die welt gehetzt.»

Er hat das siebzigste Altersjahr bereits überschritten, als die Welt auf ihn und sein Werk aufmerksam wird. Seit den 1970-er-Jahren wird sein unerschrockenes Engagement und sein künstlerisches Werk im In- und Ausland ausgestellt und geehrt.

Am 27. Dezember 1988 stirbt er im Alter von 85 Jahren.

 
Ich war nie in einer partei
ich bin ein
menschlicher Gebrauchsgrafiker
und jedermann
der meine arbeit gebrauchen kann
dem gehört sie.

ich bin ein schüler der käthe kollwitz
und ich versuche
so weit es mir gelingt
diese tradition
– das menschliche und soziale –
zu sehen und fortzusetzen.

versteht ihr?